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Sieberth: „Ich wünsche mir mehr Entspannung und weniger Angst“

29. Juli 2015

Ich wurde im Frühjahr 2015 von Katharina Swetlik, einer Studierenden der Uni Salzburg, interviewed. Nach Rücksprache mit ihr freut es mich, dass ich ihren Text hier auf meinem Blog veröffentlichen darf:

Interview: Katharina Swetlik

Barbara Sieberth war schon immer eine Person, die sich für Menschen einsetzt, die von Ungerechtigkeit betroffen sind. Seit 2013 ist sie Landtagsabgeordnete der GRÜNEN Salzburg und kümmert sich unter anderem darum, dass alle Menschen in die Gesellschaft integriert werden.

UNI: Welche Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nach umgesetzt werden, damit Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Bettler und Homosexuelle in Salzburg integriert werden?

Sieberth: Alle Menschen brauchen irgendwie einen Platz in der Gesellschaft und Integration läuft über viele verschiedene Schienen. Bildung ist eine Schiene, genauso wie Existenzsicherung und Arbeit – diese Möglichkeiten muss ich in Wahrheit für alle Gruppen schaffen. Wenn viele Flüchtlinge schnell anerkannt werden haben sie Zugang zum Arbeitsmarkt, aber wiederum auch nicht, wenn sie nicht gut Deutsch sprechen. Das heißt Maßnahmen, die helfen, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft finden und selbständig werden können, sind pure Integrationsmaßnahmen. Man muss sich aber nicht nur auf Deutschkurse konzentrieren, sondern auch lokale Komitees schaffen, wo sich Einheimische und Zugezogene begegnen, um zu verstehen wie wir in unserer Gesellschaft funktionieren.

UNI: Wie sieht es hierbei mit den Vorurteilen aus?

Sieberth: Alles was die Menschen unterstützt, selbständig leben zu können, betrifft alle Bevölkerungsgruppen. Erst dann funktioniert auch das Miteinander. Es funktioniert nicht, wenn Leute das Gefühl haben, die Flüchtlinge bekommen alles nachgeschoben und man selber kratzt am Existenzminimum. Da haben wir natürlich gesellschaftliche Schieflagen, aber dafür können die Flüchtlinge nichts. Diese Gruppen darf man nicht ausspielen und ich bin für die Handelsangestellte genauso da wie für alle Anderen.

UNI: Frauenpolitisch ist das ungleiche Einkommen ein Top Thema. Hat sich in den letzten zwei Jahren an der Einkommensschere zwischen Männern und Frauen etwas geändert beziehungsweise verbessert?

Sieberth: Vorgestern war ich in einer feministischen Runde eingeladen und es wurde gezeigt, dass es sich durch den Equal Pay Day österreichweit um genau einen Tag verbessert hat. Also nur ein dreihundertfünfundsechzigstel sind wir in der Einkommensschere besser geworden, also sie schließt sich ein bisschen, aber wenn wir in dem Tempo weiter gehen glaub ich , sind wir frühestens in 70 Jahren soweit. Dieses gleicher Lohn für gleiche Arbeit das ist an und für sich ein Missverständnis im Equal Pay Day, denn das haben wir weitgehend erreicht. Dort wo das nicht stattfindet gibt es inzwischen gesetzlich gute Möglichkeiten sich zu wehren. Es geht jetzt schon viel mehr darum, wie ist bezahlte und unbezahlte Arbeit aufgeteilt, wie zum Beispiel Familienarbeit, Pflegearbeit, Kinderbetreuungsarbeit und auch wie sind Berufe untereinander gewertet, also wenn eine Friseurin so viel weniger verdient wie ein Mechaniker. Bei Beiden handelt es sich um handwerkliche Berufe, beide sind anstrengend, beide sind wichtig, beide werden gebraucht und trotzdem ist da so ein großer Unterschied in der Bezahlung.

UNI: Welche Projekte stehen ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste?

Sieberth: In meinem Bereich sind die größten Themen gerade, Kinderbetreuung – das Kinderbetreuungsgesetz wird novelliert und ich bin Vorsitzende vom Unterausschuss, der das vorbereitet hat.Und das Zweite große Thema sind die Menschenrechte und da fallen sowohl die Flüchtlinge rein, als auch die Notreisenden.

UNI: Was wünschen Sie sich für Salzburgs Zukunft?

Sieberth: Ich wünsche mir mehr Entspannung, weniger Angst und mehr Abarbeiten der tatsächlichen Herausforderungen. Ich glaube, dass wir deshalb in eine solche Schieflage kommen, weil Ängste und Vorurteile auch von politischer Seite immer wieder nur verschärft anstatt entschärft werden. Dies macht das politische Arbeiten auch schwieriger, denn sobald ich dauernd sage, dass Flüchtlinge oder Bettler kriminell sind, dann wird eine Bevölkerung auch weniger verstehen, wenn ich Geld in soziale Maßnahmen anlege. Hingegen wenn ich kommuniziere, dass es ist unsere Pflicht ist Flüchtlinge aufzunehmen und wir tun es so gut wir können, dann braucht sich niemand Sorgen machen. Wir leben in Österreich in einem angespannten System und die Herausforderungen sind nicht einfach, aber sie sind lösbar.

UNI: Was würden Sie den Bürgern sagen?

Sieberth: Wer Angst hat, hat Angst, aber man kann entweder jemanden der Angst hat sagen: „Deine Ängste sind total berechtigt und ich schütze dich“ oder ich kann sagen: „Du schau mal, wenn du Angst vor dem und dem hast, beruhige ich dich, das haben wir im Griff und um deine Sorgen kümmern wir uns“, also es gibt mehrere Wege Ängsten zu begegnen.

UNI: Salzburg liegt bei der Erfüllung der Asylquote im österreichischen Vergleich auf dem letzten Platz.

Sieberth: Salzburg war schon immer auf den hinteren Plätzen von der Erfüllung der Quote her. Der Zuwachs der Plätze ist ja stetig da, parallel dazu kommen aber im Moment auch mehr Flüchtlinge und deshalb braucht es insgesamt mehr Quartiere. Im Vergleich dazu hätten wir die Quote vor zwei Jahren schon über-, über-, übererfüllt. Es wurden alle möglichen Dinge eingeführt, die die Gemeinden unterstützen könnten bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Es gibt Beratungsangebote an Gemeinden und es gibt viele zivilgesellschaftliche Gruppen, die jetzt auch schon signalisieren, dass sie die Bürgermeister unterstützen, wenn ein Quartier in seine Gemeinde kommt. Es ist also nicht mehr nur Protest da und es gibt inzwischen auch unterstützende Angebote vom Land aktiver zu sein. Die Zivilgesellschaft wacht gerade erst auf und fängt an zu fragen, wo Hilfe gebraucht wird, oder spendet Klamotten und Nahrungsmittel – jeder nach seinen Möglichkeiten.

UNI: Den GRÜNEN wird nachgesagt, dass sie Regierungsverantwortung nur durch Großkoalitionsparteien erlangen, wie SPÖ und ÖVP.

Sieberth: Wir sind eine noch wachsende Partei, also dass wir mit großen Parteien eine Koalition eingehen sind reale Machtverhältnisse, die man dann gestaltet. Das sehe ich jetzt nicht als Steigbügelhalter. Wir haben natürlich von dem Skandal zwischen ÖVP und SPÖ profitiert, wenn ich an die vergangenen Wahlen denke, da sind wird weit über unsere Kernschichten gewählt worden, aber man sieht auch in aktuellen Umfragen liegen wir zwischen 15 und 20 Prozent. Mit den anderen Parteien muss man sich natürlich zusammenreden, was letztendlich möglich ist umzusetzen. Wir sind uns nicht in allen Themen mit der ÖVP und Team Stronach einig, aber es gibt auch viele Punkte, die wir gemeinsam angehen können. Wenn man sich auf das konzentriert, was man gemeinsam bewegen kann , halte ich das für produktiv und so sehe ich das in Salzburg.