Frauen

Prostitution in Salzburg – Schluss mit der Doppelmoral

20. September 2011

Die ÖVP macht sehr medienwirksam einen Vorstoss in Richtung Freierbestrafung in Salzburg. Begründet relativ wild von verschiedenen Seiten mit „Sexarbeit muss weg von der Straße, weil in Bordellen sicherer“, „Anrainerbeschwerden“, „nehmen wir doch das Wiener Vorbild, dort gibt’s die Freierbestrafung ja auch schon“.

Das mag sich auf den ersten Blick irgendwie vernünftig anhören, geht aber an der Realität völlig vorbei und ist auch schlichtweg falsch. Meine heutige Aussendung dazu lautet:

>>Die ÖVP will Sexarbeiterinnen weg von der Straße haben, aber sie überlegt nicht, was für Auswirkungen das hat, wenn isoliert eine Freierbestrafung eingeführt wird: Der Straßenstrich wird sich in Gegenden verlagern, die für die Freier sicherer vor Bestrafung sind – das heißt in Gegenden, die für die Sexarbeiterinnen noch viel gefährlicher sind. Derzeit herrscht eine Doppelmoral: Prostitution wird als Dienstleistung gewollt und akzeptiert, sehen soll man sie nicht. Schikaniert und bestraft werden im ÖVP-Modell auch weiterhin die Dienstleisterinnen. Was wir brauchen sind wirksame Maßnahmen gegen Gewalt und Menschenhandel auf der strafrechtlichen Seite und gewalt- und gesundheitspräventiv Maßnahmen für die Sexarbeiterinnen. Diese Maßnahmen müssen unter Einbindung von ExpertInnen wie Betroffenen und VertreterInnen von NGO’s, die in diesem Bereich schon langjährige Erfahrung mitbringen, erarbeitet werden.
Frauenhandel zu bekämpfen, heißt Opferschutz statt Auslieferung. Nur ein langfristiges Aufenthaltsrecht mit Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht überhaupt einen Umstieg. Der Kampf gegen Menschenhandel braucht auf der Seite der Opfer und Zeuginnen Vertraute – und nicht Bewaffnete. Ein Ausbau der sozialarbeiterischen Angebote ist dafür unerlässlich.<<

Die Aussendung versucht in Kürze das Wichtigste unterzubringen, aber das Thema ist komplexer, daher weiter im Blogeintrag:
In Wien ist Straßenprostitution erlaubt (in bestimmten Zonen) – in Salzburg nicht. Freierbestrafung in Wien ist also was gänzlich anderes als was die ÖVP hier in Salzburg fördert.
Zum Thema Anrainerbeschwerden: das scheint sehr relativ zu sein. Lokalaugenscheine von Journalisten (zuletzt Stadtblatt) aber auch Betroffene (über Beratungsprojekt PIA in Salzburg) berichten, dass der akutelle (illegale) Straßenstrich sehr klein ist und verstehen nicht, woher die Anrainerbeschwerden kommen. Es steht im Raum, dass es sich hier auch um Lobbyarbeit der Bordelle handelt, deren Geschäfte gerade nicht so gut laufen und die die Konkurrenz auf der Straße bekämpfen wollen.

Zum Thema Arbeiten in Bordellen macht die Sache sicherer für Sexarbeiterinnen: ja und nein. Ausbeuterische Strukturen gibt es wohl in Bordellen wie auf der Straße. Aber aktuelle Entwicklungen in Bordellen (System Laufhaus oder auch Flatrate) gehen in andere Richtungen – sie setzen Frauen weiter unter Druck (weil sie absurde Mieten zahlen müssen) und führen die direkte Verbindung „Geld – Dienstleistung“ ad absurdum (weil Männer quasi beim Eingang zahlen und sich dann bedienen können). Der Straßenstrich lässt da mehr Selbstständigkeit zu, und auch ein Arbeiten jenseits von „ganz dünn und ganz jung“.

Will ich Frauen stärken, funktioniert das anders. Durch gute und niederschwellige, muttersprachliche Beratung. Effektive Umstiegshilfen für die, die das wollen. Als neue Selbstständige (andere Arbeitsform gibt es nicht für Sexarbeiterinnen) haben Prostituierte keine Möglichkeit, sich beim AMS arbeitssuchend zu melden. Nur als Beispiel von Hürden auch in diesem Bereich.

„Only rights can stop wrongs“ finde ich einen guten Leitsatz – auch bei diesem Thema.

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